Sofa für die virtuelle Welt. Das Internet ist bewohnbar geworden

Editorial des KVV Medien&Bildung für das Wintersemester 2008

In den frühen Jahren des Internets gehörte zu den Metaphern, mit denen versucht wurde, das Neue des Neuen Mediums irgendwie fassbar, greifbar, begreifbar zu machen, auch die des Cyberspace. Genährt durch Science-Fiction-Literatur (hier konkret William Gibson, der für die „Neuromancer-Trilogie“ den Begriff erfand: „Cyberspace. Eine Konsens-Halluzination…“ [S. 87 in der Heyne-Ausgabe]) stellte man sich diesen Cyberspace vor als einen großen, dunklen, kalten (am Bild des Weltraums orientierten), „virtuellen“ Raum, eine Art Jenseits-Welt, eine „virtual reality“.

Diese „virtual reality“ war scharf abgegrenzt vom sogenannten „real life“ (RL). Die Grenze zwischen den Welten war offenbar wichtig, die virtuelle Realität hatte zu tun mit dem Nicht-Wirklichen, mit dem Fiktionalen, Traumhaften, mit den Imaginationen und Illusionen, manchmal auch dem Magischen und Unheimlichen. Diesseits der Grenze war „real life“, die wirkliche Wirklichkeit, das echte Leben. Das musste offenbar streng auseinanderhalten werden. Wer sich zu sehr ins Jenseits der virtuellen Realitäten bewegte, zu tief „drin“ war im Cyberspace (vgl. dazu die legendäre TV-Werbung mit Boris Becker aus der Internet-Steinzeit: „Ich bin drin!“), für den bestand Gefahr, nicht mehr herauszufinden, süchtig zu werden, unter „Realitätsverlust“ zu leiden usw. Die pädagogische Auseinandersetzung mit diesen Parallel-Welten bestand deshalb zumeist darin, vor den o.g. Gefahren zu warnen und ansonsten, und gerade im Schulkontext, auch gern unter Verweis auf die Irrelevanz dieser Irrealitäten schlicht zu ignorieren, was sich in nicht-schulischen Parallelwelten tut.

Inzwischen ist ein Sechstel der Weltbevölkerung „drin“ in dieser vermeintlich virtuellen Welt: Eine Milliarde Menschen. Die Dimensionen dieses Cyberspace sind gewaltig: Wenn MySpace ein Land wäre, wäre es das achtgrößte der Welt. Seit 85% der über 12-Jährigen Schüler Mitglieder im SchülerVZ und 120% (sic!) der deutschen Studenten Mitglieder von StudiVZ sind, hat sich das, was in den 90er Jahren noch dunkler, kalter Cyberspace war, grundlegend verändert. Das Internet ist nicht mehr ein unwirklicher, von Freaks, Nerds und Suchtgefährdeten bevölkerter Ort. So kann man den Begriff „web2.0“ auch verstehen: Der Mainstream ist im Internet angekommen. Das Internet ist bewohnbar geworden.

Und es wird bewohnt. Aber nicht von den Cyborgs der frühen Science-Fiction-Phantasien, die sich aus dem Diesseits des „real life“ verabschiedet haben. Die digital natives in Schule und Universität tragen keine Cybernauten-Anzüge, um sich in private VR-Welten zu versenken. Statt dessen haben sie das Internet in der Hosentasche, die Wikipedia auf dem Handy, das social network im iPod – sie haben das WWW ins „real life“ geholt und damit den Cyberspace von drinnen nach draußen gestülpt.

Auf die aufnahmefähigen Plattformen des web2.0 kann man all den Alltagskrams mitnehmen, der auch im richtigen Leben herumliegt. Das mag mancher noch immer für irrelevant halten (weil es ablenkt vom wirklich Wichtigen, weil es nicht im Lehrplan steht, weil es die universitären Learning-Management-Systeme mit Privatkram verschmutzt), aber die Zahlen sprechen für sich: Etwa 6% der universitären Lehrveranstaltungen nutzen digitale Learning-Management-Systeme 1, aber 120% der deutschen Studenten sind Mitglieder des StudiVZ. Vor diesem Hintergrund hat die Fakultät EPB im Rahmen des Projekts ePUSH eine web-Plattform für das „real life“ im Virtuellen eingerichtet. Siehe dazu den Beitrag von Christina Ferner über life.epb.uni-hamburg.de in diesem Heft.

Frohes Wintersemester, gutes Gespür für das wirklich Wirkliche und bequemes Gestühl wünscht

Torsten Meyer

(Der Text ist inspiriert durch den Artikel „Das Internet ist bewohnbar geworden“ von A. Rosenfelder in der F.A.Z. vom 10.08.2006, Nr. 184 / Seite 33)

  1. vgl. das eLearning-Barometer der Universität Hamburg, http://www.uni-hamburg.de/eLearning/barometer.html
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